Wirtschaft - wohin?

Die Ideen Silvio Gesells sind mehr denn je aktuell

Die Wirtschaft ist ein Problemkind: Arbeitslosigkeit, steigende Staatsverschuldung, Länder der Dritten Welt, die unter der Zinslast fast zusammenbrechen. Aber auch der Sozialstaat geht schnurstracks auf eine Krise zu. Es wird immer schwieriger, die zentral verwalteten Sozialausgaben einschließlich Altersvorsorge und Krankenfürsorge zu bezahlen. Die Spannungen im sozialen Gefüge zeigen sich am deutlichsten in der steigenden Rechtsradikalisierung, vor allem im Zusammenhang mit der Ausländerfrage.

Kurz und bündig, die soziale Marktwirtschaft ist am Ende ihres Lateins angelangt. Es fehlt offensichtlich eine menschenfreundliche Wirtschaftspolitik.

Die Hauptursachen der gegenwärtigen Schwierigkeiten sehe ich in zwei Faktoren. Der erste ist eine strukturelle Veränderung des Arbeitsmarktes. Durch Rationalisierung und technischen Fortschritt ist die Witschaft heute nicht mehr imstande, Vollbeschäftigung zu garantieren. Diese Tatsache ist von den Wirtschaftswissenschaftlern (noch) nicht erkannt worden. Der zweite Faktor ist ein exponentielles Wachstum der Schulden - und damit auf der anderen Seite der großen Vermögen - das auf den unglücklichen Zinsmechanismus zurückzuführen ist. Es kommt nämlich durch diesen Mechanismus zu einer Umverteilung der finanziellen Ressourcen von der Schicht der weniger Reichen zu den - wenigen - Reichen, sowie von den Entwicklungsländern zu den Industrieländern.

Gehen wir jedoch Schritt für Schritt an die Sache heran. Eine gesunde Wirtschaft muß folgendes in Betracht ziehen: Die Produktion unter Beachtung ökologischer Gesichtspunkte ist überaus wichtig; der Zinskapitalismus muß als schädlich erkannt und durch ein besseres System abgelöst werden; die tiefgreifende strukturelle Veränderung des Arbeitsmarktes muß erkannt werden und die folglich notwendigen Veränderungen im sozialen Bereich müssen gut durchdacht und sodann verwirklicht werden.

Produktion - Die Produktion ist die Grundlage der Wirtschaft. Auch den Dienstleistungen muß eine gewisse Wichtigkeit zuerkannt werden, aber die weitaus größte Bedeutung hat die Herstellung von Gütern, seien sie Konsumgüter oder solche industrieller Art.

Das Privatunternehmertum, hier vor allem die Klein- und Mittelbetriebe, sind das Rückgrat der Produktion. Die private Initiative kann weder durch den Staat noch durch das Großkapital ersetzt werden.

Umweltschutz -
Für das Überleben der Menschheit als Ganzes ist der Umweltschutz von ausschlaggebender Bedeutung. Es genügt aber nicht, die Umweltverschmutzer zur Rechnung zu ziehen. Wir brauchen eine neue Technologie, die von vornherein nicht umweltbelastend ist. Hiergegen sträuben sich jedoch die Energiemonopole, welche ihr ganzes Spiel auf zwei Trumpfkarten aufgebaut haben: Fossilbrennstoffe und Atomspaltung.

Zinskapitalismus -
Es gibt wohl kaum eine wirtschaftsschädlichere Einrichtung als den Zinskapitalismus. Hiermit ist nicht das Sparen Einzelner gemeint und die Anlage des Ersparten, um der inflationären Geldentwertung zu entgehen.

Mit dem Wort Zinskapitalismus bezeichnen wir die Anhäufung von Großvermögen, welche nur dort investiert werden, wo die Rendite am größten ist. Diese Vermögen wachsen "von selbst", durch den Mechanismus von Zins und Zinseszins.

Was hingegen wenig bekannt ist, ist die Tatsache, daß diese Vermögen keineswegs von selbst wachsen, sondern daß jeder Pfennig Zinszuwachs von der arbeitenden Bevölkerungsschicht aufgebracht werden muß. Dies geschieht auf verstecktem Wege durch den Zinsmechanismus. Die Zahlung geschieht durch Steuern, durch Mieten, durch die Preise von Gütern aller Art. Diese Preise enthalten den automatisch abzuführenden Zinsanteil, ohne daß dies offensichtlich wäre. Bei den Mieten z.B. handelt es sich um nicht weniger als 70 Prozent! Bei Warenpreisen schwankt der Zinsanteil zwischen 30 und 40 Prozent.

So wird die Umverteilung der Vermögenswerte von den Armen zu den Reichen in aller Legalität bewerkstelligt, denn der Zinsanteil geht natürlich schnurstraks zu den "Geldgebern".

Der Zinsmechanismus trägt außerdem sehr zu den Schwierigkeiten des Unternehmertums bei, denn es ist fast unmöglich, Investitionskapital zu finden, außer zu Höchstzinssätzen. Und hier konkurriert der Staat mit hochverzinslichen Anleihen, wobei die Verzinsung dieser Staatspapiere natürlich aus Steuergeldern finanziert wird! Es ist also kein Wunder, daß die Steuern immer höher werden müssen, denn je größer die Schulden, desto mehr Zins muß letztlich aufgebracht werden und der Zins wird durch Steuern und Preise der arbeitenden Bevölkerung abgenommen.

Strukturelle Veränderungen - Sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene befindet sich die Wirtschaft in einer Übergangsphase, die von den Wirtschaftswissenschaftlern bisher nicht erkannt wurde.

Der technologische Fortschritt und die Informationsrevolution haben eine Entwicklung eingeleitet, deren Auswirkungen bisher nur schwer abzuschätzen sind.

Es ist heute möglich, mit weniger Arbeitsaufwand mehr herzustellen als dies noch vor zwanzig oder dreißig Jahren der Fall war. Die Folge ist, daß die Wirtschaft nicht mehr in der Lage ist, die Vollbeschäftigung zu garantieren. Dies wird allgemein als Krisensituation bezeichnet und die von den Experten vorgeschlagene Gegenmaßnahme ist die Schaffung von Arbeitsplätzen, wenn nötig mit staatlichen Investitionen. Wir werden sehen, daß es auch eine andere Lösung gibt. Wir müssen uns nur darüber im Klaren sein, daß wir einer strukturellen, nicht einer konjunkturellen Krise gegenüberstehen.

Sozialer Bereich -
Die strukturelle Veränderung des Arbeitsmarktes zieht tiefgreifende Veränderungen im sozialen Bereich nach sich und diese sozialen Probleme müssen gelöst werden. Die Alternative ist eine steigende Intoleranz den sozial Schwächeren gegenüber, mit gleichzeitiger Rechtsradikalisierung und der notwendig folgenden autoritären Umschwenkung der Staatsgewalt.

Diese Betrachtungen sollen uns als Ausgangspunkt für eine genauere Analyse des angesprochenen Problemkreises und der möglichen Lösungen dienen. Wir wollen hier zunächst zwei Wege einer möglichen Verbesserung der Situation in Betracht ziehen. Zuerst eine Lösung des Umweltproblems auf technischem Wege und sodann eine Alternative zum Zinsmechanismus, die uns schon am Anfang dieses Jahrhunderts von Silvio Gesell in seinem Buch "Die natürliche Wirtschaftsordnung" vorgeschlagen wurde.

Energie und Umweltschutz

Die größten Umweltschäden sind auf den Energiesektor zurückzuführen. Hier soll vor allem auf die sinnlose Verschwendung von den Rohstoffvorräten hingewiesen werden, welche sich im Laufe von Jahrmillionen in der Erdkruste geformt haben. Die Folgen dieser Verschwendung, vor allem für unsere Nachkommen, könnten katastrophale Ausmaße annehmen. Trotzdem sind die bis heute vorgeschlagenen Alternativen kaum mehr als Augenwischerei.

Wirkliche Alternative

Die wirkliche Alternative bringt uns der technologische Fortschritt. Die Kriterien für die Forschung hierfür dürfen jedoch nicht von den heutigen Strukturen der Wissenschaft bestimmt werden. Es liegt in der Natur der Erneuerung, daß das Ergebnis der Forschungen sich radikal vom bisher Bekannten unterscheiden muß. Solange aber die staatlichen Forschungsinstitute die Richtung bestimmen, wird jede wirklich innovative Forschung im Keim erstickt. Wir sehen dies bei den Patentämtern, wo schon bei den Vorprüfungen rund die Hälfte der angemeldeten Erfindungen im Energiesektor abgewiesen werden, weil sie den derzeitigen "wissenschaftlichen Anschauungen" widersprechen.

Der Autor hat zum Thema Grundlagen der Physik an anderer Stelle ausführlicher geschrieben. Als konkrete Beispiele sollen hier jedoch zwei Forschungsrichtungen aufgezeigt werden, eine mittel- bis langfristige und eine fast unmittelbar anwendbare.

Die langfristige Alternative liegt ohne Zweifel in einer radikalen Revision der Grundkonzepte der Physik. Es handelt sich hier um die Konversion der sogenannten Raumenergie. Das Konzept basiert auf der Präsenz eines überaus energiereichen Äthers oder Raumhintergrundes und der Möglichkeit, diese allgegenwärtige Energie direkt in elektrische Energie umzuwandeln.

Die Forschungen auf diesem Gebiet sind bisher von Einzelnen ohne öffentliche Forschungsgelder durchgeführt worden. In vielen Fällen wurden diesen Forschern und Erfindern sogar Hindernisse in den Weg gelegt, von der Verweigerung des Patentschutzes gar nicht zu sprechen. Obwohl diese Forschungen interessante Ergebnisse erbracht haben, sind die sich daraus ergebenden Geräte nie zur Serienreife entwickelt worden, teils wegen Mangels an Interesse und Forschungsgeldern, teils wegen der Unmöglichkeit, einen Patentschutz zu erreichen und des bedauerlichen Irrgalubens vieler Forscher und Erfinder, daß ein Patentschutz unabdingbare Voraussetzung für die kommerzielle Verwertung einer Erfindung sei.

Eine unmittelbar anwendbare Alternative zum Energieproblem ergibt sich jedoch aus einer intelligenten Verwendung des Wassers als Brennstoff.

Wasser besteht bekanntlich aus Sauerstoff und Wasserstoff. In den letzten Jahrzehnten wurden verschiedene Methoden entdeckt, die Wassermoleküle auf energiesparende Weise aufzuspalten und die daraus resultierenden Gase als normalen Brennstoff zu verwenden.

Diese Methode hat den Vorteil der unmittelbaren Anwendung, denn die heute existierenden Verbrennungsmotoren sowie die thermoelektrischen Kraftwerke könnten mit kleinen Veränderungen an den neuen Kraftstoff angepaßt werden. Das Wasser kann direkt "am Ort" aufgespalten werden und somit entfällt das Transportproblem und das Problem der Explosivität des Wasserstoffgases. Als Brennstoff wird nur normales Wasser mitgeführt.

Es scheint, daß eine ähnliche Lösung zur Zeit in China erprobt wird. Aber Erfindungen dieser Art wurden auf der ganzen Welt schon vorgeschlagen. Die Erfinder warten darauf, daß sich jemand für ihre Arbeiten interessiert. Hier soll nur auf den Australier Yull Brown, auf den Neuseeländer Archie Blue und auf den Amerikaner Stanley Meyer hingewiesen werden, aber zweifellos gibt es auch bei uns ähnliche Erfindungen, die in Vergessen geraten sind, wie die schweizerischen Postautos, die schon in den 50er und 60er Jahren mit Wasser im Tank fuhren, dann aber stillschweigend von "normal" motorisierten Fahrzeugen abgelöst wurden.

Leider sind es nicht immer ökologische Gesichtspunkte, die entscheiden, welche Technologie verwirklicht wird. Das Gewinnstreben spielt eine entscheidende Rolle. Das ist nicht verwunderlich, denn alle Investitionen müssen Gewinn (Zins) abwerfen.

Nullzins?

Ideal für das Unternehmertum und auch für den Staat wäre ohne Zweifel, den Zinssatz auf den Ausgleich des sich aus der Inflation ergebenden Wertverlustes zu beschränken, oder sich diesem Ziel zumindest zu nähern.

Versuche in dieser Richtung wurden zwar unternommen, waren aber erfolglos. Erinnern wir uns nur an das Zinsverbot, das die großen Religionen erlassen haben, aber ohne einen wirklich durchschlagenden Erfolg. Man kann einfach wirtschaftliche Realitäten nicht durch Moralgebote ändern, auch wenn die dahinterstehende Autorität noch so groß ist.

Wie wäre es also möglich, den Nullzins zu verwirklichen? Die Lösung ist relativ einfach. Sehen wir uns zunächst die finanzielle Seite der Wirtschaft etwas genauer an.

Die Wirtschaft ist vom ungehinderten Umlauf des Zahlungsmittels Geld abhängig. Ohne Geld funktioniert keine Wirtschaft und sogar die Geldmenge ist überaus wichtig. Sie muß jederzeit zu der Menge der angebotenen Waren und Dienstleistungen im richtigen Verhältnis stehen. Läuft zu viel Geld um, bewirkt dies eine Erhöhung der Preise (Inflation). Steht zu wenig Geld zur Verfügung, dann ist die Folge Absatzstockung und Wirtschaftskrise.

Der Zins ist eine Art Belohnung für diejenigen, die Geld gespart haben und es nicht verleihen wollen. Er ist also eine Art "Lockmittel", das den Geldumlauf sicherstellen soll. Diese Funktion hat der Zins bisher auch immer recht und schlecht erfüllt, jedoch war der Preis für die Wirtschaft als Ganzes ungemein hoch. Die Verzerrung der Vermögensverhältnisse, d. h. die Umverteilung von den Armen zu den Reichen hin, ist in einer sozial gerecht denkenden Gesellschaft einfach nicht mehr zumutbar.

Was können wir also tun? Hier eine sehr gedrängte Darstellung des von Gesell vorgeschlagenen Weges:

Wir können den Zins durch eine steuerliche Belastung der Liquidität ablösen. Warum eine steuerliche Belastung der Liquidität? Ganz einfach: um den Umlauf des Zahlungsmittels ohne das Zinslockmittel zu garantieren.

Natürlich müssen wir zwischen Zahlungsmittel und Ersparnissen eine genaue Unterscheidung treffen. Die steuerliche Belastung von etwa 4 oder 5 % im Jahr wäre nur auf das Zahlungsmittel anwendbar, also auf Bargeld und auf die Liquidität in Girokonten und ähnlichen kurzfristig verfügbaren Vermögenswerten. Die längerfristig angelegten Ersparnisse hingegen wären von der steuerlichen Belastung nicht betroffen. Dies erklärt sich daraus, daß längerfristige Anlagen von den Banken wieder als Kredite vergeben werden, also der Wirtschaft als Zahlungsmittel zur Verfügung stehen.

Das Ergebnis dieser Besteuerung wäre eine Sicherstellung des Geldumlaufes, ohne die Notwendigkeit des Zinses, denn jedermann würde versuchen, so wenig Liquidität wie nur möglich zu halten, um der Besteuerung zu entgehen.

Es handelt sich hier nicht um ein Zinsverbot. Wer Zinsen nehmen will, kann dies weiterhin tun. Der Zinssatz wäre jedoch merklich niedriger, denn durch die Besteuerung entstünde ein beträchtlich erhöhtes Angebot an Anlagekapital, sehr zum Vorteil des Unternehmertums und der Wirtschaft im Allgemeinen.

Wie steht es mit dem Sparer und Anleger von kleinen und mittleren Vermögen? Wäre er nicht durch den Wegfall des Zinsgewinnes benachteiligt? Ganz im Gegenteil, denn durch die niedrigeren Zinsen würden die Lebenshaltungskosten dermaßen verbilligt, daß die folgliche Ersparnis das frühere Zinseinkommen in fast allen Fällen übertreffen würde. Wenn wir dann noch in Betracht ziehen, daß mit der Besteuerung des Zahlungsmittels auch die Inflation unter Kontrolle gebracht werden kann und somit die Ersparnisse in ihrem Wert konstant erhalten bleiben, dann könnte man sagen, daß der Vorschlag allen Vorteile bringt: der Wirtschaft, den Staatskassen und der arbeitenden Bevölkerung.

Eine Frage, die oft zur praktischen Durchführbarkeit der Ideen Gesells gestellt wird ist, ob ein einzelnes Land eine solch tiefgreifende Reform des Finanzwesens einführen könnte, ohne auf den internationalen Märkten Schiffbruch zu erleiden.

Ohne Zweifel ist dies eine berechtigte Frage. Die praktische Durchführbarkeit dieser Vorschläge in einer internationalen Marktwirtschaft ist von ausschlaggebender Bedeutung und sollte genauestens studiert werden. Auf den ersten Blick dürften jedoch keine unüberwindlichen Hindernisse bestehen, denn die Gesell'schen Vorschläge zur Geldbesteuerung sind wiederholt mit Erfolg in räumlich beschränktem Gebiet verwirklicht worden, ohne Probleme mit der weiteren Umgebung zu schaffen. Die Gemeinde Wörgl in Österreich z. B. hat mit diesem System während der Weltwirtschaftskrise ein kleines "Wirtschaftswunder" erlebt. Natürlich wäre es vorteilhaft, eine solche Reform in einem größeren Wirtschaftsraum einzuführen, anstatt in nur einem Land. Ich denke hier vor allem an die anstehende europäische Währungsreform.

Spekulation

Eine Besteuerung der Liquidität würde natürlich der Spekulation einen gehörigen Dämpfer aufsetzen. Halten wir uns nur vor Augen, daß der durch die Banken abgewickelte internationale Zahlungsverkehr täglich ein Vielfaches des Betrages erreicht, der zum Ausgleich der Handelsgeschäfte nötig wäre. Mit einer weniger frei verfügbaren Liquidität wäre wohl mit einer Abnahme dieses spekulativen Geldverkehrs zu rechnen.

Auf der anderen Seite bestünde aber die Gefahr, daß sich die großen Vermögen, die bisher durch zinsträchtige Anlagen und Spekulation eine möglichst schnelle Vermehrung suchten, sich auf Grundstücksspekulation zu verlegen versuchten. Grund und Boden ist in beschränktem Maße vorhanden. Durch Aufkaufen von Grundstücken könnte sich eine Monopolsituation ergeben und die Eigentümer könnten versuchen, durch Verpachtung der Grundstücke die Rendite zu erzwingen, die vormals vom Zins garantiert wurde.

Ist aber eine Situation vorhergesehen, so kann sie auch leicht verhindert werden. Gesell hat vorgeschlagen, die Grundstücke nach und nach in Gemeinde- oder Stadteigentum übergehen zu lassen, und sie in langfristigen Pachtverträgen zur Nutzung freizugeben.

Es wäre hierzu keineswegs vorgesehen, Grundstückseigentümer zu enteignen. Es würde genügen, der Gemeinde oder Stadt ein Vorkaufsrecht bei Grundstücksverkäufen einzuräumen und die in Privateigentum verbleibenden Grundstücke einer Besteuerung zu unterwerfen, die etwa gleich hoch oder etwas höher als der Pachtpreis eines vergleichbaren Grundstückes sei. Die Vergabe der Grundstücke zu Bauzwecken oder zur anderweitigen Nutzung sollte so transparent wie möglich gestaltet werden. Gesell schlug öffentliche Versteigerung vor.

Diese Neuregelung des Grundstückseigentums wäre für die Allgemeinheit von Vorteil. Sie würde der Grundstücksspekulation einen Riegel vorschieben. Die Stadt oder Gemeinde erhielte ein beträchtliches autonomes Einkommen, das zur Verwirklichung einer Sozialreform zur Verfügung stünde. Auch wäre es möglich, bei der Verpachtung von Grundstücken Auflagen zu machen, um eine umweltverträgliche Nutzung des Gemeindegrundes sicherzustellen. Eine solche Neuregelung des Grundstückseigentums wäre also ein wichtiger Bestandteil der vorgeschlagenen Finanzreform, um der vorhersehbaren Bodenspekulation einen Riegel vorzuschieben.

Inflation

Eine Wirtschaft, welche die Besteuerung der Liquidität eingeführt hat, wäre in der Lage, die Inflation mit verhältnismäßig geringem Aufwand völlig unter Kontrolle zu halten.

Wir haben gesehen, daß die Inflation eine Folge zu großer Liquidität ist. Die Zentralbank hat die Aufgabe, die Liquidität so zu regeln, daß weder Inflation noch Rezession entstehen. Dies ist beim gegenwärtigen System sehr schwierig, denn der Zins ist kein verläßlicher Regelmechanismus. Bei niedrigem Zins ist die Gefahr der Inflation sehr groß. Bei hohem Zins wird zwar die Inflation gebannt, aber die Kosten für die Wirtschaft sind ungemein hoch. Das Unternehmertum leidet an Knappheit finanzieller Mittel, die Staatsverschuldung muß teuer verzinst werden und ganz im Allgemeinen werden ungemeine Mengen des Zahlungsmittels aus der Wirtschaft "abgesahnt", um sie den großen Vermögen zu übergeben.

Mit dem vorgeschlagenen System hingegen wäre die Zentralbank in der Lage, die Liquidität direkt durch Ausgabe oder Einzug von Bargeld und Kredit zu steuern. Der Zinssatz würde nur vom Markt bestimmt und hätte keinen direkten Einfluß mehr auf das wirtschaftliche Geschehen. Die Ausgabe und der Einzug von Liquidität wären nur durch einen einzigen Faktor zu bestimmen - den Preisindex.

Steigender Index = Inflation ---> Einzug von Liquidität.

Fallender Index = Deflation ---> Ausgabe von Liquidität.

Der Zentralbank wäre und mit dem neuen System endlich ein wirksames Mittel in die Hand gegeben, die Preisstabilität sicherzustellen und somit ihrer Hauptaufgabe nachzukommen.

Teilbeschäftigung

Wir haben oben schon gesehen, daß die Wirtschaft sich in einer Übergangsphase befindet. Von der Vollbeschäftigung werden wir auf eine Teilbeschäftigung übergehen. Da kann man natürlich zetern und sich aufregen. Man kann aber diesen Übergang auch als positive Entwicklung sehen und sich auf die Veränderungen vorbereiten. Wenn wir durch technischen Fortschritt endlich in der Lage sind, alle notwendigen Güter mit der Arbeit von nur einem Teil der Bevölkerung herzustellen, dann sollte dies eigentlich Grund zum Feiern sein. Wir machen (im Ganzen gesehen) Fortschritte!

Endlich wird es möglich sein, sich mehr und mehr mit kreativen Dingen zu befassen. Kunst in allen Formen sollte groß geschrieben sein. Forschung, technischer Fortschritt, individuelle Kreativität sollten gefördert werden. Es gilt, ein immenses menschliches Potential einer gesellschaftlich nutzbringenden Bestimmung zuzuführen.

Natürlich werden auch tiefgreifende Veränderungen im sozialen Bereich nötig werden. Der Lebensunterhalt aller - unabhängig davon ob sie eine Beschäftigung im heutigen Sinne haben - muß sichergestellt werden. Nicht der zentrale Staat sondern die einzelnen Gemeinden sollten den sozialen Bereich bestimmen. Zu diesen Veränderungen möchte ich mich hier jedoch nicht weiter aussprechen. Eine eingehende Diskussion der Möglichkeiten wäre vonnöten. Eines ist jedoch sicher. Die Veränderungen kommen unaufhaltsam auf uns zu und ich glaube es wäre eine gute Idee, uns so bald wie möglich Gedanken über unsere Zukunft zu machen.

Kurz zusammengefaßt

Die hier vorgestellten Ideen sind nur als Ausgangspunkt, als Beitrag zur Diskussion darüber aufzufassen, wie wir uns das Leben und die soziale Organisation im nächsten Jahrtausend vorstellen wollen.

Natürlich ist der Rahmen dieses Artikels nicht geeignet, ein vollständiges Programm zu geben, sondern lediglich eine Vorstellung, einen Denkanstoß.

Die politischen und sozialen Kräfte, die diese Vorstellungen aufgreifen und weiterentwickeln, werden an Gewicht gewinnen, denn die Veränderungen sind in gewissem Sinne schon vorprogrammiert. Dieser Artikel zeigt lediglich eine "natürliche" Entwicklungsrichtung auf.

Die hier vorgeschlagene Entwicklungsrichtung würde Folgendes ermöglichen:

Josef Hasslberger
Rom, Italien
Juni 1993